Black and White

von Ulrich Metzmacher

Die Rollenverteilung und der Dresscode im klassischen Western der 50er Jahre sind schnell verstanden. Der weiße Hut war dem Helden vorbehalten, die übrigen Akteure teilten sich auf in Schwarzhüte, hutlose Indianer und einige Frauen im karierten Outfit. Dunkelhäutige Menschen mit afrikanischen Vorfahren spielten nur selten mit, schon gar nicht in tragenden Rollen. In späteren Westernfilmen änderte sich dies, eine völlige Ablösung von den alten Klischees blieb aber die Ausnahme.

Nur wenige Dinge sind mächtiger als die Vereinfachung. Die Unübersichtlichkeit der Welt wird mit einem polarisierenden Raster überzogen, und wie bei einer kontrastreichen Fotografie gibt es am Ende nur noch Weiß und Schwarz. Strenggenommen handelt es sich dabei nicht einmal um Farben, sondern entweder um die vollständige Reflektion des ungebrochenen Lichtes oder eine Fläche ohne jegliche Abstrahlung. Genau diese Farblosigkeit macht die Schwarz-Weiß-Metapher zu einem Wirklichkeitsfilter mit hoher Suggestivkraft. Kontrast bedeutet Drama, und die Zuspitzung fördert beim Betrachter eine stärkere emotionale Beteiligung, als dies bei der Differenzierung in feinziselierte Zwischentöne der Fall ist. In der Fotografie werden deshalb Bilder mit einer vollständigen Nutzung der Grauwertskala im Vergleich zu kontrastreichen Aufnahmen häufig eher als langweilig empfunden. Und so mancher Fotograf neigt der Wirkung wegen mit Rotfilter und Kodak Tri-X zur gezielten Anhebung von Schwarz und Weiß.

Die Polarisierung in Hell und Dunkel ist geeignet, die kognitiven Anteile der Hirntätigkeit herunterzufahren und dem Bauchgefühl Vorrang einzuräumen. Auf diese Weise lassen sich Urteile ohne langes Nachdenken schneller fällen. Dafür mag es einige in der Anthropologie des Menschen liegende archetypische Gründe geben. Licht wird mit Wärme, Entspannung und Leben assoziiert, das tiefe Dunkel hingegen meist mit Kälte, Unheil und Tod. Okay, das war es dann aber auch schon mit der Macht solcher Urhoffnungen und Urängste. Alle weiteren Konnotationen des Weißen und des Schwarzen sind Ergebnis kultureller Zuschreibungen. Schon ihre Gleichsetzung mit dem Guten und dem Bösen ist fatal. Sie ist stets Begleiterscheinung und Ergebnis sozialer Stigmatisierungen und im Übrigen Ausdruck von Herrschaftsansprüchen.

Dass es auch Umkehrungen gibt, ist unbestritten. So gilt Weiß im europäischen Kulturkreis, eher negativ konnotiert, mitunter als ein wenig einfältig und naiv, steht jedoch auch für das Übersinnliche, etwa für Gespenster, während Schwarz Eingang in das Bild asketischer Weltverachtung und priesterlicher Transzendenz fand. Darüber hinaus steht in der weltlichen Variante das schwarze Outfit als Kennzeichen für eine existenzialistische Weltsicht, als Berufsbekleidung von Galeristen und Architekten oder als Ausweis der Zugehörigkeit zu punkigen und anderen Gruppen, die mit der Verachtung des Bürgerlichen spielen. Ob solche umgedeuteten Konnotationen jedoch als generalisierte Eigenschaften des Schwarzen und des Weißen verstanden werden dürfen, ist schon wieder eine komplexere Frage. Zweifel sind da angebracht. Die Macht etablierter Kulturimperative wirkt tiefer, als so mancher meint, vergleichbar etwa mit der Genderthematik. Frei von den andressierten Prägungen ist jedenfalls so schnell niemand, selbst wenn das liberale Mäntelchen vermeintlicher Vorurteilslosigkeit umgehängt wird.

Die Welt ist bevölkert von Menschen verschiedener Herkunft, teils mit eher dunklerer und teils mit hellerer Hautfarbe. Die Eigenschaften dunkel oder hell sind dabei relativ. Wirklich schwarz oder weiß ist niemand. Und dennoch hält sich diese Dichotomie im westlichen Kulturkreis auf hartnäckige Weise. Einerseits bedeutet die Polarisierung Reduktion auf ein unrealistisches Entweder-Oder. Andererseits gibt es einige empirische Gründe, die eine solche Vereinfachung in gewisser Weise sogar rechtfertigen, denn die meisten als schwarz kategorisierten Menschen leben nun einmal, häufig unfreiwillig, in einer anderen Alltagsrealität als Weiße. Im Übrigen bildet die in neuerer Zeit vorgenommene Zusammenfassung aller Nichtweißen zur Gruppe der People of Color lediglich eine Abwandlung alter Stigmatisierungen. Ausgangspunkt bleibt auch in diesem Fall der weiße Blick: Hier wir! Dort die anderen!

Der rassistisch fundierte Diskurs hat sich beharrlich gehalten. Kern des europäisch-westlichen Schwarzenbildes einschließlich des Terminus People of Color ist der weiße Nullpunkt, nach dem Weißsein den unhinterfragten mentalen Ort bezeichnet, der die Ausgangsnorm markiert. Der Maßstabsetzende betrachtet sich selbst als neutral und farblos weiß, alle anderen hingegen gelten als schwarz oder farbig und somit abweichend. Das asymmetrische Verhältnis zwischen Weiß und Nichtweiß wird perpetuiert. Im fotosinn-Essay Die Kamera und das Fremde wird dies näher ausgeführt.

Bei der kollektiv wirkenden Differenzierung von Menschen in Weiße und Schwarze handelt es sich in der Regel nicht um gleichberechtigte Kategorien. Anders ist das in der formalen Bildästhetik. Die im Prinzip vorurteilsfreie Schwarzweißgrafik ist durch eine Beschränkung auf Umrisse und Flächen gekennzeichnet. Differenzierungen innerhalb der schwarzen und weißen Bereiche finden nicht statt. Lediglich das räumliche Verhältnis bietet Stoff für sinnstiftende Botschaften, wobei die gestalttheoretische Unterscheidung in Figur und Grund eine wichtige Rolle spielt. Im klassischen Holzschnitt etwa wird in der Regel die figürliche Botschaft durch die schwarzen Flächen vermittelt, Weiß bildet den Hintergrund. Prinzipiell lässt sich dies aber auch umkehren. Näheres zum Verhältnis von Figur und Grund ist im fotosinn-Essay Raum und Fläche beschrieben.

In zahlreichen Bildern und vor allem Grafiken wiederholt sich die Anmutung des Holzschnitts, nicht selten unter Nutzung fotografischer Vorlagen. So wurden in den 60er und 70er Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts die schwarzweiß gehaltenen Portraitsilhouetten von Marx, Engels, Lenin und Mao bis zu Che Guevara oder Malcolm X, abstrakt homogenisiert, zum Poster-Wandschmuck vieler sich fortschrittlich verstehender Wohngemeinschaften. Der revolutionäre Code verlangte nach solchen Symbolen. Die reale Hautfarbe der Abgebildeten spielte dabei keine Rolle, entscheidend war die Botschaft des nahezu abstrakt Figürlichen, die natürlich als Provokation gedacht war. Das Kalkül ging auf, denn die schwarzen Silhouetten der Revolutionsheiligen kollidierten kontrastreich mit den Vorstellungen des auf Konfliktvermeidung bedachten konservativen Publikums. Schwarz galt aus weißer Sicht eben schon immer als potentiell böse. Dem klassischen Holzschnitt mag man dies noch verziehen haben, da er sich meist mit harmlos bleibenden Motiven befasste oder man diese nicht als unmittelbare Bedrohung empfand. Im Übrigen handelte es sich ja um Kunst. Bei der tonwertreduzierten Aufmüpfigkeit der Politposter hingegen geriet die bürgerliche Seele schnell in Wallung. Schwarz und Weiß sind nun einmal keine neutralen Kategorien, sondern kontextabhängig mit unterschwellig wirkenden Konnotationen verknüpft.

 

Zurück