Bildmanipulation und künstliche Intelligenz

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Kürzlich ließen zwei Pressemeldungen aufhorchen, die sich auf unterschiedliche Weise mit der Authentizität von Bildern befassten. Da gab es zum einen den Manipulationsverdacht hinsichtlich eines im Netz kursierenden Videos, dessen ursprüngliche Version anlässlich einer Pressekonferenz des amerikanischen Präsidenten entstand, und zum anderen wurde bei Christie´s ein Bild versteigert, das auf den ersten Blick Ergebnis künstlicher Intelligenz zu sein scheint.

In dem genannten Politvideo aus dem Weißen Haus soll durch dessen nachträgliche Bearbeitung der Eindruck erweckt worden sein, ein CNN-Reporter habe sich gegenüber einer Mitarbeiterin des Präsidenten unstatthaft verhalten. Dies gilt in den USA als eine massive Anschuldigung. Bei einer kurzen Sequenz der Szene sei eine künstliche Steigerung der Wiedergabegeschwindigkeit vorgenommen worden, wodurch eine eigentlich harmlos erscheinende Armbewegung den Charakter eines Schlages erhalten habe. Neben anderen Medien hatte das Handelsblatt über den Vorgang berichtet.

Manipulationen von Fotografien sind im politischen Raum nichts Neues. Schon immer hat es Versuche gegeben, für Propagandazwecke durch Retuschen und Montagen, aber auch durch suggestive Bildgestaltungen Botschaften zu vermitteln, deren Wahrheits- oder zumindest Wahrhaftigkeitsgehalt gegen Null tendiert. Relativ neu sind hingegen vergleichbare Manipulationen im Videobild. Erst die heutigen digitalen Bearbeitungsmöglichkeiten lassen auch hier Eingriffe bis hin zu frei erfundenen, ausschließlich am Rechner entstandene Szenen zu. Vor diesem Hintergrund handelt es sich bei der Erhöhung der Wiedergabegeschwindigkeit einer wirklichkeitsbasierten Videosequenz um eine reichlich primitive Form der Manipulation. In Zukunft werden wir es mit ganz anderen Dingen zu tun bekommen. Die rechnerbasierten Möglichkeiten zur Schaffung virtueller Realitäten werden in den kommenden Jahren dazu führen, dass wir in den abendlichen TV-Nachrichten mit Avataren konfrontiert werden, die bekannten Persönlichkeiten bis aufs Haar gleichen. Diese digitalen Klone werden uns dann die unglaublichsten Geschichten erzählen, und nur eine äußerst sorgfältig arbeitende Nachrichtenredaktion wird sich und uns davor schützen können, auf entsprechendes Bildmaterial hereinzufallen.

Da helfen nur zwei Dinge, erstens eine Erhöhung der Medienkompetenz des Betrachters, dem ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber allen politisch intendierten Bildinformationen zu empfehlen ist, und zweitens eine Verstärkung der forensischen Bildanalyse, die den technischen Fortschritten auf Seiten der Manipulateure mit ebenbürtigen Fähigkeiten zur Erkennung von Fälschungen gegenübertritt. Das fotoMagazin hatte bereits vor einiger Zeit auf das Arbeitsspektrum der Bildforensik hingewiesen.

Anders stellt sich es im Fall des bei Christie´s versteigerten Bildes dar. Die ZEIT hatte kürzlich in einem Artikel mit dem Titel Quellcode auf Leinwand berichtet, dass dieses Werk ausschließlich vom Computer generiert worden sei. Handelt es sich da noch um ein von Menschenhand kreiertes Werk oder um das Ergebnis künstlicher Intelligenz? Da mag man den Zweiflern schnell entgegnen, dass auch ein Rechner nur das zu tun in der Lage ist, was ihm zuvor in Form von Algorithmen beigebracht worden ist. Gerade, wenn man die geläufige Definition von Künstlicher Intelligenz zugrunde legt, nach der es bei ihr um maschinengesteuerte Informationsverarbeitungen mit Entscheidungen - und das ist jetzt der Knackpunkt - in nichteindeutigen Situationen handelt, zögern wir, im vorliegenden Fall bereits etwas Selbstdenkendes zu erkennen. Ähnlich ist das bei den modernen Schachcomputern. Sie sind zwar selbst von Großmeistern kaum oder gar nicht mehr zu schlagen. Dennoch denken sie nicht, sondern sind lediglich in der Lage, auf der Basis unvorstellbar großer Datenmengen sowie deren Verarbeitung zu erfolgversprechenden, strategischen Entscheidungen zu gelangen. Vom Ergebnis her ist das zwar beeindruckend, aber ein neues Intelligenzparadigma können wir hier noch nicht erkennen.

Vorerst jedenfalls unterliegen maschinelle Entscheidungsprozesse den Regeln, die ihnen vorgegeben worden sind. Im vorliegenden Fall kann man deshalb nach unserer Auffassung die Autoren des Quellcodes als künstlerische Urheber des bei Christie`s unter den Hammer gekommenen Kunstwerkes betrachten. Ob es sich dabei um Kunst handelt, wollen wir im Übrigen nicht weiter erörtern. Aber der Streit geht ja, wenn wir der ZEIT folgen, auch eher um die Frage, ob die Ehre nun dem Entwickler der zugrunde liegenden Open-Source-Software gebührt oder den Autoren späterer Weiterentwicklungen. Diese Frage ist uns allerdings ziemlich schnuppe.

Computerkunst ist alles andere als neu. Auch in der fotografischen Bildbearbeitung erkennen wir, zum Beispiel bei Softwarefiltern, den Einsatz vorgefertigter digitaler Prozessalgorithmen. Vilém Flusser hat darüber hinaus in seinen Schriften immer wieder darauf hingewiesen, dass schon allein die Kamera als programmierte Maschine zu Ergebnissen führt, die alles andere als frei gestaltet sind, sondern in vielfacher Hinsicht technischen Vorgaben folgen. Nehmen wir, nur als Beispiel, bei einer Kamera mit 50-Felder-Messung die automatische Festlegung der Schärfeebene auf einen bestimmten, von der Maschine beschlossenen Bereich. Künstliche Intelligenz ist das zwar noch lange nicht, da die Entscheidungsalgorithmen vorgegeben sind, aber maschinengebunden ist das Ergebnis dennoch. Verschiedene andere Sachverhalte der Kameratechnik bis hin zur monokularen, zentralperspektivischen Optik folgen ebenfalls zwingenden Vorgaben der Konstrukteure. Das fotografische Bild ist, so das zwangsläufige Fazit, alles andere als objektiv. Es ist das Produkt einer programmierten Maschine.

Dies alles stört uns nicht. Man sollte es jedoch wissen. Wer digitale Kunst an sich akzeptiert, kann keine überzeugenden Vorbehalte gegenüber dem maschinenerzeugten Bild anführen. Aus der Kunstperspektive ist das auch vollkommen in Ordnung, denn im Gegensatz zur politisch motivierten Bildmanipulation ist hier die Frage nach der Authentizität eines Bildes glücklicherweise obsolet. Im Blogbeitrag Fake Image or Not? vom Anfang des Jahres hatten wir uns schon einmal mit dieser Thematik befasst. Aber die Einschläge bei der propagandistisch motivierten Bildmanipulation rücken offenbar näher. Die Reflexionsfähigkeit des Betrachters ist deshalb umso mehr gefordert.

 

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