Bewegung im statischen Bild

von Ulrich Metzmacher

Die Fotografie folgt seit ihren Anfängen einem Trend zur Beschleunigung. Dies mag angesichts der langen Belichtungszeiten der ersten Aufnahmen von Daguerre verwundern, aber man darf nicht vergessen, dass die Fotografie mit ihrer Idee der dauerhaften Abbildung in Gestalt eines technisch geschaffenen Bildes gegen die Malerei angetreten war. Und gegenüber dem traditionellen Bild war die Fotografie von Anfang an erheblich schneller. Auch wenn die Technik zunächst noch in den Kinderschuhen steckte, war es ein Quantensprung von der Arbeit mit Leinwand und Staffelei zur fotografischen Apparatur mit lichtempfindlicher Platte und schwarzem Tuch. Die neue Technik war jedoch nicht gleichbedeutend mit einer höheren Qualität der Abbildung. Gerade bei Portraits wird das deutlich. Der Maler benötigte zwar noch zahlreiche Sitzungen und eine gründliche Beschäftigung mit seinem Model, schuf aber mitunter ein charakteristisches Portrait. Der reine Abbildungsvorgang konnte mit der fotografischen Technik im Vergleich hierzu erheblich schneller vollzogen werden. Aufgrund der langen Belichtungszeiten und der notwendigen Bewegungslosigkeit des Portraitierten war jedoch ein unverkrampfter Ausdruck unwahrscheinlich. In den Gründerjahren ging die Schnelligkeit der Fotografie deshalb stark zu Lasten ihrer Erkenntnistiefe. Statt Individualität wurde häufig nur ein einstudiertes Rollenschema festgehalten. Der Portraitierte posierte, wie er es als sozial angebracht empfand, und hielt die Luft an. Bewegungsunschärfen galten als handwerklicher Makel.

Die Technik wurde im 19. Jahrhundert immer besser, die notwendigen Belichtungszeiten kürzer. Und damit ergaben sich für die Fotografie neue Einsatzmöglichkeiten, die schließlich weit über die der Malerei hinausgingen. Die Chronofotografien eines Eadweard Muybridge stellten präzise die einzelnen Sequenzen von Bewegungsabläufen dar und übertrafen durch die Fixierung schnellster Vorgänge das natürliche Wahrnehmungsvermögen. Später führte dann die Grundidee, durch eine Aufnahmeserie Bewegung abzubilden, zum Film, der, zumindest gilt dies für die klassische analoge Variante, aus tausenden von Einzelbildern besteht, die mit gleichbleibender Geschwindigkeit durch einen Projektor gezogen werden und so die Illusion eines fließenden Ablaufs hervorrufen. Die Serienfotografie war in Bewegung geraten. Dies bedeutete jedoch nicht das Ende des Einzelbildes. Trotz der Schnelllebigkeit der Moderne, trotz des Strebens nach Spannung und trotz der einfachen Technik des Films konnte sich die Fotografie im Zwanzigsten Jahrhundert nicht nur behaupten, sondern sie nahm parallel zum Film eine eigenständige Entwicklung. Einer der Gründe mag darin liegen, dass die dynamischen Veränderungen des Alltagslebens nicht nur den Wunsch nach einer fotografischen Dokumentation des Wandels hervorriefen, sondern gleichzeitig auch das Bedürfnis nach der Statik des unbewegten Bildes im Sinne einer Reduktion von Komplexität.

Alle Künste neben Musik und Literatur lassen sich in zwei Klassen einteilen, die statischen und die dynamischen. Zu den ersten zählt neben Malerei, Zeichnung, Grafik, Skulptur und Plastik auch die Fotografie, zu den dynamischen hingegen Tanz, Theater, Performance und der Film. In beiden Gruppen gibt es Unterformen, daneben existieren Mischerscheinungen. Entscheidend ist, dass der Umgang mit dem Phänomen der Bewegung unterschiedliche Anforderungen stellt. Während sie bei den dynamischen Künsten unmittelbar inkorporiert ist, müssen in den statischen Varianten Hilfskonstrukte bemüht werden, um Bewegung darzustellen oder symbolisch zum Ausdruck zu bringen. Malerei, Skulptur und Fotografie sind stärker gefordert als die von vorneherein dynamischen Disziplinen.

Die Fotografie kann als analytisches Instrument dienen, wenn sie zum Einfrieren schneller Szenen und ihrer anschließenden visuellen Untersuchung genutzt wird. Bekannt sind die mit einem Blitzgerät und kurzer Belichtungszeit aufgenommene Pistolenkugel im Augenblick des Aufpralls auf eine Glasscheibe oder die Gewehrpatrone nach dem Durchschuss eines Apfels. Hier werden Einzelheiten erkennbar, die das menschliche Auge ohne technische Hilfsmittel nicht wahrnehmen kann. Trotz der Umwandlung der dreidimensionalen Wirklichkeit in eine zweidimensionale Fläche weist die Fotografie aber auch eigene Möglichkeiten zur symbolischen Darstellung von Bewegung auf. Ein Bild muss allerdings, will man seinen Realitätsbezug und die dargestellte Objektbewegung verstehen, vom Betrachter rückübersetzt werden. Voraussetzung dafür ist die Beherrschung der Bildsprache einschließlich der Ausdrucksformen zur Illusionierung der dritten Dimension. Perspektivdarstellung, Horizontanordnung, die Verhältnisse von Vorder-, Mittel- und Hintergrund sowie die Schärfeverteilung der Bildebenen stellen hierbei gängige Hilfsmittel dar, ebenso die Bewegungsunschärfe selbst, denn sie ist Ausdruck der Positionsveränderung eines Objekts und damit Hinweis auf die dritte Dimension. Kreisförmige Linien auf einer Fotografie des Sternenlaufes am nächtlichen Himmel verweisen bei Langzeitbelichtungen gar auf die unendliche Räumlichkeit des Alls.

Dies hört sich alles simpel und selbstverständlich an, ist es aber nicht. Eine Fotografie richtig zu verstehen, bedarf eines vorangegangenen komplexen Lernprozesses. Nur dann gelingt es, auf einer schwarzweißen Fotografie im Postkartenformat ein Feuerehrauto zu erkennen, obwohl dieses etwas verwischt abgebildet ist, während es gerade um eine Hausecke biegt und deshalb nur teilweise zu sehen ist. Hier müssen vom Betrachter zahlreiche Abstraktionen zurückübersetzt werden. Angeboren ist die Fähigkeit dazu nicht. Im fotosinn-Essay Skulptur und Fotografie wird der Bewegungsillusion im fotografischen Bild näher nachgegangen. Im Essay Raum und Fläche geht es um die Fähigkeit, ein Bild trotz seiner lediglich zwei Dimensionen mit realen Objekten gedankliche in Verbindung zu bringen.

 

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