Bauhaus-Fotografie in Magdeburg

von Ulrich Metzmacher

Neben den großen Präsentationen anlässlich des hundertjährigen Jubiläums des Bauhauses in der Berlinischen Galerie und im neuen Bauhaus Museum Dessau ist gerade für die Fotografie unbedingt auch die Ausstellung Moderne.Ikonografie.Fotografie im Kunstmuseum Magdeburg zu empfehlen. Hier geht es nicht nur um die Bauhauszeit selbst, sondern auch um die daran anknüpfende Nachkriegsfotografie sowie zeitgenössische junge Fotokünstlerinnen und Künstler, die nach der Aktualität des Avantgardistischen aus den Zwanziger Jahren fragen.

Die Bedeutung der Bauhausfotografie für das Neue Sehen soll hier nicht noch einmal dargestellt werden. Dies ist bereits im fotosinn-Essay László Moholy-Nagy und die neue Fotografie geschehen. Die Magdeburger Ausstellung kann als exemplarisch konzipierte Rundreise verstanden werden, die das Beschriebene kongenial illustriert. Ob es sich um die gegensätzlichen Positionen von Moholy-Nagy einerseits und der nüchternen Sachfotografen um Peterhans andererseits handelt, deren Kontroverse im Bauhaus bis weit in das Jahrhundert hinein die Spannungslinien der zeitgenössischen Fotografie vorwegnahm, die unterschiedlichen Techniken bis zum kameralosen Fotogramm, die neuen Sichten mit damals ungewohnten Themen und Perspektiven oder die kritische Betrachtung der Gesellschaftsstruktur bei gleichzeitigem Bekenntnis zur modernen Industriekultur – zu allen diesen Dingen gibt es in der Ausstellung etwas zu entdecken. Fotografen wie Alexander Rodtschenko, Albert Renger-Patzsch, Christian Schad oder Edward Weston, die zu ähnlicher Zeit, jedoch außerhalb des Bauhauses wirkten, werden dabei einbezogen. Das macht durchaus Sinn, wenn man bereit ist, die Ausstellung weniger unter historisch-dokumentarischer Perspektive zu betrachten, sondern als eine Art Gesamtkunstwerk, das ein Gefühl für die moderne Fotografie im Aufbruch vermitteln möchte. Dies darf als gelungen gelten.

Vieles schon ist über die auralose Fotografie geschrieben worden. Dies mag in Anbetracht ihrer technischen Rahmenvoraussetzungen grundsätzlich alles richtig sein. Dennoch beschleicht einen beim Betrachten von Originalabzügen aus vergangener Zeit immer wieder eine gewisse Faszination. Es ist nicht unbedingt die technische Qualität der Aufnahmen. Ganz im Gegenteil, viele der damaligen Fotografien genügen heutigen Maßstäben diesbezüglich nicht. Aber man erlebt etwas anderes. Einmal ist es der gekonnte Blick, der die gute Fotografie von der belanglosen Massenware unterscheidet. Hinzu kommt das Wissen, dass die Fotografien der bereits Genannten, aber auch die von Marianne Brandt, Lucia Moholy, Herbert Bayer oder Ruth Hallenleben, um nur einige zu nennen, persönliche Dokumente darstellen, die etwas vom Denken und Fühlen ihrer Urheberinnen und Urheber zum Ausdruck bringen. Auch wenn der alte Barytabzug hinter Glas keine unmittelbare Texturwirkung zulässt, strahlt er durch seinen Status als Original aus vergangener Zeit etwas Auratisches aus. Dass einige der gezeigten Aufnahmen recht bekannt sind und für Fotografieinteressierte einen ikonischen Status aufweisen, unterstützt dieses Gefühl.

Die Magdeburger Ausstellung ist mit nur wenigen Kommentaren versehen. Dies ist durchaus nachvollziehbar und sympathisch, neigen doch manche Museen dazu, das Textliche so sehr in den Vordergrund zu stellen, dass die intellektuelle Sicht alles dominiert und für die unmittelbare Wahrnehmung der Exponate kaum Raum bleibt. Einige kurze Statements an der Wand wie das leben am Bauhaus hat mich in meiner meinung sehr bestärkt, dass man sehr auf die improvisation angewiesen ist wirken da äußerst wohltuend. Für Kenner der Materie reicht das völlig aus. Wem jedoch etwa die Kontroverse zwischen Moholy-Nagy und Peterhans oder die Unterschiede zwischen Renger-Patzsch und Steinert weniger vertraut sind, für den mag die Ausstellung hier und dort etwas unübersichtlich bleiben.

Einen zweiten Schwerpunkt der Ausstellung bilden einige am Bauhaus anknüpfende Entwicklungen der Fotografie nach 1945. Dies ist natürlich eine schier unübersehbare Thematik und muss zwangsläufig fragmentarisch sein. Das ist auch in Ordnung so. Wir bleiben bei der Wahrnehmung der Ausstellung als eigenständiges Gesamtkunstwerk, das keine Rechtfertigung für seine Auswahl benötigt. Dennoch, die Fotografien der Bechers, von Heidersberger, Ricarda Roggan, Brian Eno und anderen sind in ihrer Vielfalt auf jeden Fall eine Betrachtung wert.

Richtig interessant wird es dann noch einmal beim dritten Teil der Ausstellung, der Präsentation des Studienprojektes Leipzig. Hierzu liegt auch eine begleitende Dokumentation der Klasse für Fotografie und Medien vor. Absolventinnen und Absolventen sowie Studierende der Klasse Joachim Brohm haben sich dem Thema Bauhaus aus aktueller Sicht genähert und stellen ihre Ergebnisse vor. Diese bieten einen Querschnitt durch die junge Gegenwartsfotografie und zeigen verschiedene Adaptionsmöglichkeiten beziehungsweise Interpretationen des Neuen Sehens. Das sieht nicht wie nachgemachte Baushausfotografie aus, vermittelt jedoch durchgängig den Eindruck einer überlegten Bildgestaltung. Da erkennt man einige konstruktivistische Grundprinzipien, kippende Linien, Collagehaftes und Skulpturelles, schließlich Architekturfotografien ebenso wie Anlehnungen an das Produktdesign. Expressive Spontanfotografien oder Selfieähnliches sucht man hingegen vergeblich, aber die hätten mit dem Bauhausparadigma der durchkomponierten Sachfotografie auch nicht viel zu tun.

Im Dokumentationsband des Studienprojektes Leipzig werden die Werke der beteiligten Künstlerinnen und Künstler bildlich sowie mit Kommentar vorgestellt. Sehens- und lesenswert! Ein weiterer Textbeitrag von Joachim Brohm befasst sich mit dem ursprünglichen Bauhausansatz, der sich keineswegs als vollständig homogen darstellt, und den Brüchen, die sich insbesondere durch die Digitalisierung ergeben haben: Ähnlich der Situation in den 1920er Jahren befindet sich das Medium heute an einem Wendepunkt. In der noch nicht absehbaren, digitalen Zukunft liegen vielfältige, große Potentiale und ebensolche Gefahren nah beieinander: einerseits in ästhetischer und kommunikativer Hinsicht in Einheit mit neuen, bildgebenden Technologien, andererseits aber ebenso durch fehlgeleitete kommerzielle und strategische Nutzungen mit brisanten gesellschaftspolitischen Folgen. Von Studierenden der Fotografie wird deshalb heute nicht nur der Erwerb handwerklicher und technischer Fertigkeiten erwartet, sondern auch ein klares Bekenntnis zur Rolle der künstlerischen Bildmedien im Kontext einer liberalen und offenen Gesellschaft!

Die Ausstellung Moderne.Ikonografie.Fotografie – Das Bauhaus und die Folgen 1919 - 2019 ist im Kunstmuseum Magdeburg noch bis zum 9.2.2020 zu sehen. Neben der Ausstellung selbst können auch der Museumsbau sowie die Klosteranlage Unser Lieben Frauen, in der das Museum untergebracht ist, als sehenswerte Attraktionen empfohlen werden.

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