Aus Fehlern lernen

von Ulrich Metzmacher

Wer nicht gerade mit großem Fachequipment im Studio, sondern digital oder auch analog im Kleinbildformat arbeitet, wird feststellen, dass die Quote misslungener, langweiliger oder sonstwie unbefriedigender Bilder meist relativ hoch ist. Selbst bei bekannten Fotografinnen und Fotografen zeigt sich, dass in der Regel nur einige der Rohaufnahmen Bestand haben und ihren Weg in die Dunkelkammer oder zum Printer finden.

Bei der Betrachtung von Kontaktbögen eines analogen 36er Films wird dies besonders deutlich, da die Kapazität des Aufnahmemediums hier eine natürliche Grenze bildet und die Analyse erleichtert. Schwieriger gestaltet sich dies aufgrund der nahezu unendlichen Speichermöglichkeit bei der digitalen Technik mit ihrer Verlockung, bei dynamischen Motiven auf Dauerfeuer zu stellen und erst im Nachhinein eine Auswahl zu treffen. Genau betrachtet, handelt es sich aber auch hier lediglich um eine Steigerung des aus analogen Zeiten bekannten Prinzips, durch eine Serie von Bildern die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, den richtigen Moment erwischt zu haben. In Zukunft wird sich diese Strategie weiter dynamisieren. Bei der Reportagefotografie wird zunächst mit 8k oder mehr eine gesamte Sequenz als Film festgehalten. Im Nachhinein lassen sich dann Bilder extrahieren, die den Qualitätsmerkmalen einer klassischen Einzelfotografie entsprechen. Aber das soll hier nicht das Thema sein. Bleiben wir bei den Kontaktbögen.

Henri Cartier-Bresson gilt als Meister des entscheidenden Augenblicks. Er selbst hat durch verschiedene Schriften zu diesem Image beigetragen. Wer allerdings meint, er habe geduldig wie der Fuchs auf der Lauer gelegen und dann nur ein einziges Mal zugelangt, als die Intention ihm dies einflüsterte, der irrt. Auch Cartier-Bresson hat bei seinen Reportagen Bildserien geschossen und erst später eine Auswahl getroffen. Das ist völlig normal und schmälert in keiner Weise seine besonderen Fähigkeiten des Sehens. Bei anderen Klassikern der Reportage war es dann allerdings nicht mehr der Fotograf selbst, der die Endauswahl traf, sondern die Bildredaktion, die aus dem Kontaktbogen das passend Erscheinende heraussuchte. Nicht alle Fotografen waren mit den Ergebnissen immer glücklich.

Der Umgang mit den Contact Sheets respektive Kontaktbögen bekannter Magnum-Fotografen einschließlich Cartier-Bresson wurde vor einigen Jahren in einem umfangreichen Bildband des Verlags Schirmer/Mosel eindrucksvoll dokumentiert. Die dort zusammengestellten Fotografien belegen einmal mehr, dass es sich bei einer gelungenen Aufnahme um das glückliche Zusammentreffen von technischer Kamerabeherrschung, Sensibilität für die Interpretation einer Situation, Zufall und Intention handelt. Fehlen diese Grundlagen, hilft bestenfalls eine gewisse statistische Wahrscheinlichkeit, dass auch aus einem zufällig geknipsten Bild etwas Vorzeigbares mit Langzeitwirkung entsteht. An genau dieser Stelle betreten wir jedoch die Welt der Gelegenheitsfotografen. Profis wie die von Magnum arbeiten anders.

Kontaktbögen zeigen etwas vom Entstehungsprozess, da sie eine Sequenz aufzeichnen, die vom Fotografen für relevant gehalten wurde. Es handelt sich sozusagen um das Urmaterial, wie ein Skizzenbuch oder ein intimes Tagebuch, das ungeschminkt auch die Dinge präsentiert, die am Ende zu nichts geführt haben. In gewisser Weise entblößt es damit seinen Urheber. Darüber hinaus trägt es zur Entmystifizierung des Einzelbildes bei. Wir wissen nun, dass dieses häufig Element einer Serie ist. Der Gedanke, es handele sich um das singuläre Ergebnis einer kreativen Intuition des Fotografen in genau dieser einen Sekunde, wird damit entzaubert.

Die Analyse von Kontaktbögen fördert im Übrigen das Erkennen von Fehlern. Wenn die Endauswahl auf ein bestimmtes Foto fällt, werden damit gleichzeitig die anderen verworfen. Beides lässt sich reflektieren und begründen, sowohl die Auswahl wie auch die Ablehnung. Durch den Vergleich der Entscheidungen werden Aufnahmefehler deutlich und damit Lerneffekte möglich, von denen man künftig profitieren kann. Mit einer ähnlichen Intention hat kürzlich das Magazin Magnumphotos zum Thema Learning on Failures ein Interview mit dem Fotografen Alec Soth, selbst Mitglied von Magnum, veröffentlicht. Dessen Werk war bereits Inhalt verschiedener fotosinn-Blogbeiträge, etwa denen vom 21.09.2017 oder vom 22.10.2018.

Das von Aaron Schuman geführte Interview befasst sich mit unterschiedlichen Aspekten des Scheiterns, das wohl jeden mit der Kamera Arbeitenden trifft. Dabei handelt es sich nicht nur um technische Fehler, die sich durch Übung minimieren lassen, sondern auch um Fragen der Motivation und der spontanen Intuition. Mal gelingen die Dinge, mal eben nicht. Nutzt man die mitunter frustrierend erscheinenden Alltagserfahrungen jedoch zum Lernen, eröffnen sich neue Entwicklungspotentiale. Das Medium Fotografie verpflichtet deshalb geradezu, Fehler zu machen. Aufgrund von Unsicherheiten oder anderen Zweifeln wird allerdings eine Aufnahme häufig gar nicht erst gemacht. Die Gelegenheit ist verpasst, eine Chance vertan. Alec Soth macht diesen Mechanismus an verschiedenen Beispielen deutlich. Sein persönlicher Lerneffekt: Schnell sein mit der Kamera und intuitiv auf eine Situation reagieren. Wenn es nichts geworden ist, na und?

Eine weitere Falle stellt die vorausschauende Selbstzensur dar. Ein Bild nur deshalb nicht zu machen, weil es aussehen könnte wie die Imitation einer Aufnahme der großen Meister, verschenkt nicht nur Chancen, sondern auch die Möglichkeit einer anschließenden Analyse. Oder man ist so intensiv auf ein bestimmtes Szenario fokussiert, dass andere mögliche Bilder gar nicht erst gesehen werden.

Hinsichtlich technischer Fehler empfiehlt Soth eine größere Gelassenheit als gemeinhin bei penibel arbeitenden Fotografen üblich. Zwar neige auch er bei bestimmten Szenen aus Sicherheitsgründen zu mehreren Aufnahmen mit verschiedenen Kameraeinstellungen, häufig jedoch erweise sich bei der Auswertung genau das Bild als interessant, das einen Fehler zeigt. Gerade die digitale Technik mit ihren Kontrollmöglichkeiten ist deshalb eine zwiespältige Angelegenheit, da sie zur Überkorrektur verleitet und am Ende schnell zu toten Bildern führt. Das Unvorhersehbare und potentiell Unvollkommene der analogen Technik hat deshalb auch weiterhin einen besonderen Reiz. Aber es gibt es, das perfekte Bild, bei dem einfach alles stimmt, von der Technik bis zum Licht und natürlich der Szene selbst. Dies ist, so Soth, eine ziemlich magische Angelegenheit. Nur dann auf den Auslöser zu drücken, wenn man solche Bedingungen für gegeben hält, wäre jedoch ein ernsthaftes Problem und letztlich der größte Fehler, den man machen kann.

Als wesentliche Erkenntnis erweist sich die Bedeutung der Authentizität. Wenn sich beim Fotografieren etwas erzwungen oder falsch anfühlt oder man keine wirkliche Verbindung zur Szene und zum Ort, an dem man sich befindet, verspürt, so werden mit großer Wahrscheinlichkeit keine guten Aufnahmen gelingen. Zufällige Ausnahmen bestätigen die Regel. Widmet man sich jedoch mit authentischer Energie einem Projekt, bietet dies allein zwar noch immer keine Gewähr, dass Gültiges entsteht, die Chancen dafür sind jedoch gestiegen. Trotz oder vielleicht gerade aufgrund der Fehler, die gemacht werden.

Das Interview mit Alec Soth ist illustriert mit einer Reihe von Fotografien. Lesens- und sehenswert! Hier noch einmal der Link zum Beitrag in Magnumphotos.

 

Zurück