Auf nach Wittenberg!

von Ulrich Metzmacher

Kann das mal jemand stoppen? Nein, wohl nicht, um gleich eine Antwort zu geben. Es läge einzig am Publikum, die Dinge durch Nichtbeachtung so zu behandeln, dass sie sich ungesehen totlaufen. Aber das ist unwahrscheinlich. Worum geht es? Es ist die Kunstgigantomanie, die im Jahr von Biennale und Documenta fröhliche Exzesse feiert und mit dem Kommerz im Nacken sowie Kohle im Hirn die Umsätze antreibt.

Immer größer das kulturelle Warenangebot, sowohl hinsichtlich des einzelnen Objektes wie auch der regionalen Raumbespielung. Beginnen wir mit der Lagunenstadt. Damien Hurst hat im Innenhof des Palazzo Grassi im Fahrwasser der Biennale eine achtzehn Meter hohe Monumentalskulptur errichtet, die als eindrucksvolle Werbemaßnahme geeignet sein mag, den Verkauf der ansonsten in der Galerie präsentierten kleineren Dinge zu befördern. Das Monstrum besteht offensichtlich aus Gießharzteilen, die erst im Gebäude zusammengeklebt wurden. Egal, hier wird Eindruck durch Masse erzeugt und es werden Größe und Bedeutsamkeit in eine assoziative Verbindung gebracht. Wir wollen Damien Hurst dafür nicht tadeln. Er hat die Mechanismen des Kunstbetriebs kapiert und nutzt sie für seine Zwecke. Das ist sein gutes Recht. Der Markt wird nun einmal nicht vom handwerklich Kleinteiligen getrieben, sondern von Werken, die durch Volumen, kostspielige Materialien oder ungewöhnliche Herstellungsbedingungen eine kalkulierte Singularität zur Schau stellen, die am Ende bare Münze wert ist. Groß, größer, am größten! Kunst, die, vom technischen Aufwand her, jeder herstellen kann, hat im Vergleich hierzu kaum eine Chance. Wer nicht über die Ressourcen einer Factory verfügt, kann da nicht mithalten. Aber auch die Marke Rembrandt war ja schon das Ergebnis kollektiven Wirkens und nicht nur Folge eines individuellen Geniestreichs im stillen Kämmerchen. Regen wir uns also nicht auf. Damien Hurst soll sein Geld verdienen, und auch Galeristen und Händler, die daran beteiligt sind, dass Devisen mit ehrenwerter oder auch zweifelhafter Herkunft in sozial angesehene Anlageobjekte getauscht werden. Wenn schon das Zinsniveau nichts hergibt, muss man den Menschen ja Alternativen bieten.

Ein anderes Beispiel, unsere liebe Documenta: Gigantisch wie nie zuvor, Athen als Wiedergutmachung gleich noch mit vereinnahmt, politisch natürlich wieder vollkommen korrekt, das Begleitbuch angefüllt mit verschachtelten Texten, bei denen man erst einmal tief durchatmen muss, und dennoch: In einer Zeit, in der wir in nahezu jeder einigermaßen tourismusorientierten Stadt mit irgendeinem künstlerischen Großereignis rechnen dürfen, nutzen sich die Dinge so rasant ab, dass es am Ende völlig schnuppe ist, ob man nun eine Installation in Kassel oder etwas Ähnliches in Grün bei der Triennale in Düsselkölln gesehen hat. Die Dinge sind durch ihre Vermassung beliebig geworden. Aber gut, solange in der Eventcity der eine oder andere seinen Broterwerb damit verdient, mag das in Ordnung gehen.

Die Frage, was davon denn überhaupt Kunst ist, wollen wir an dieser Stelle gar nicht vertiefen. Kunst ist, was sich am Ende im Kunstbetrieb teuer verkaufen lässt. Wer bei der Documenta mitmachen darf, hat es in der Regel geschafft. Fortan rollt der Rubel. Das freut nicht nur die Künstler, sondern insbesondere die Kunsthändler. Sie haben auf ihre Artisten wie auf eine Aktie gesetzt, haben dabei zugegebenermaßen auch Geld reingesteckt, und nun sehen sie endlich den Erfolg. Der Return on Investment hat begonnen. Es ist ein sich selbst verstärkendes System, bei dem der Künstler der Rohstofflieferant ist. Die richtige Kohle machen die Distributionsspezialisten, aber die Wertschöpfungen der Hotels, Restaurants und der Deutschen Bahn sind ebenfalls nicht zu verachten. Auch das ist Teil eines Geschäfts, das nicht neu ist. Die Inszenierung von Brot und Spielen als intellektuelle Volksbelustigung war schon immer eine durchkalkulierte Angelegenheit. Dem gewaltigen Aufwand steht in der Regel ein mindestens ebenso großer Ertrag gegenüber. Wobei wir nicht allzu pingelig an der Vergleichsrechnung zwischen öffentlich getragenem Aufwand und dem nicht unerheblich privatisiertem Ertrag herummäkeln wollen. Wir sind ja keine Spielverderber, wollen aber wenigstens die Regeln des Spiels verstanden haben.

Setzen wir unsere Reise fort und verweilen für einen Augenblick bei den Skulpturen in Münster. Ein ähnliches Phänomen wie in Kassel, aber schon deutlich humaner dimensioniert. Wir laufen durch die Stadt und entdecken die eine oder andere Installation. Bei anderen waren wir offenbar nicht intelligent genug, sie anhand unseres kleinen Planes aus dem Kunstmagazin art zu finden. Am Ende jedoch war einiges ganz hübsch und auch gelehrig kommentiert, anderes wiederum hat uns daran erinnert, dass der Skulpturbegriff doch heutzutage ein ganz weiter geworden ist und eigentlich alles beinhalten kann bis zum guten Gespräch. Aber was soll´s, für einen Tagesausflug war alles irgendwie zu verkraften und insgesamt recht nett. An die vielen Radfahrer, die offenbar immer Vorfahrt haben, hat man sich auch schnell gewöhnt. Dennoch, da setzt man sich stundenlang in den Zug, um nach Münster zu gelangen, flitzt den ganzen Tag durch die Stadt, um dann wiederum mit der Bimmelbahn nach Hamm und von dort mit dem ICE nach Hause zurückzukehren, und fragt sich am Ende des Tages, ob das nun der Sinn des Lebens ist.

Jetzt machen wir es nach Documenta und Skulpturenprojekt noch eine Nummer überschaubarer und begeben uns nach Sachsen-Anhalt in die Lutherstadt Wittenberg. Bei allem Trubel, den die Reformationsfestspiele in diesem Jahr ausgelöst haben, ist am Rande eine im Verhältnis zu Kassel und Münster zwar kleine, aber umso feinere Ausstellung entstanden. Die Bonner Stiftung für Kunst und Kultur hat es in Zusammenarbeit mit den Kunstfreunden der Evangelischen Kirche hinbekommen, ohne allzu fromme Belehrungen in der Berliner St.-Matthäus-Kirche eine raumfüllende Installation von Gilbert & George und im Documenta-Geleitzug Arbeiten von Shilpa Guptas sowie Thomas Kilpper in der Kasseler Karlskirche zu präsentieren. Hinzu kommt als Highlight des Ganzen diese vorzügliche Ausstellung in Wittenberg an einem dafür herausragend geeigneten Ort, dem Alten Gefängnis, dessen einzelne Zellen über mehrere Stockwerke jeweils den Raum für ein Projekt bieten. Das ist alles sehr beeindruckend, das ist übersichtlich und es wirkt vor allem nicht so marketinggetriggert wie die Großkunstevents an anderer Stelle. Dass dem Spektakel in Wittenberg, Berlin und Kassel der übergreifende Titel „Luther und die Avantgarde“ verpasst wurde, nehmen wir den Initiatoren jedenfalls nicht weiter übel. Bekanntlich hängt ja alles irgendwie mit allem zusammen, und so müssen wir auch gar nicht so genau wissen, wieweit etwa Ai Weiwei oder Jonathan Meese bei der Entstehung ihrer Arbeiten den konkreten christlichen Dialog im Sinn hatten. Bei anderen, wie Thomas Huber und seiner Beschäftigung mit dem reformatorischen Bilderverbot oder dem Doppelportrait Luthers von Adrian Ghenie, liegt eine solche Assoziation hingegen schon näher. Wichtiger als diese kleinkarierte Frage nach der Luthernähe der Künstler erscheint uns jedenfalls die Location selbst, das Alte Gefängnis, das durch seine ungehobelte, rauh belassene Innenatmosphäre und die bedrückende Zellenreihung ohne große Umwege existenzielle Fragen nach dem Sein und der Freiheit aufwirft. Das kommt nicht pädagogisch bemüht mit dem Zeigefinger daher, sondern eher subtil und wie von selbst. Im Übrigen hat es auf gewisse Weise eine Menge mit Luther zu tun. Eine grandiose Veranstaltung. Skulpturen müssen nicht baumhoch sein. Mitunter reichen die paar Quadratmeter einer Gefängniszelle vollkommen aus.

Empfehlung: Hinfahren! Noch bis zum 17. September ist die Ausstellung im Alten Gefängnis in der Lutherstadt Wittenberg zu sehen. Mit dem ICE ist man von Berlin oder Leipzig in einer halben Stunde dort. Dann läuft man durch die hübsche Altstadt, die einstmals eine der wichtigsten Universitäten Deutschlands beherbergte, und wer mag, kann bei dieser Gelegenheit einen Abstecher zum Asisi-Panorama in das Programm einbauen, um sich eine Vorstellung vom Leben in Luthers Zeit zu verschaffen. Das ist jetzt keine große Kunst, aber gerade auch für Kinder recht anregend gemacht. Ansonsten: Historisches und Kultur ohne Ende in Wittenberg!

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