Atlanta

von Ulrich Metzmacher

Die Hauptstadt des Bundesstaates Georgia macht es einem nicht leicht. Als Ausgangspunkt einer Reise durch den Süden und den Osten der USA verkörpert sie ein anderes Amerika, als man es im vertrauten, polyglotten New York erlebt. Durchschnitten von Highways, sind, abgesehen vom direkten Stadtzentrum, kaum Fußgänger unterwegs. Man fährt hier lieber. Weltzentrale von Coca-Cola, Sitz von CNN, Zentrum einer wirtschaftsstarken Region mit einer Bevölkerung, von der dennoch ein Viertel unter der Armutsgrenze lebt, dazu ein Umsteigeflughafen mit gigantischen Ausmaßen.

Atlanta 2019

Durchstreift man die Stadt zwischen Downtown und Midtown, kommt einem Alexander Mitscherlichs Die Unwirtlichkeit unserer Städte aus dem Jahr 1965 in den Sinn. Kaum ist im Zentrum noch etwas zu spüren vom Südstaatenflair mit klassischer Architektur; stattdessen Neugebautes aus Stahl und Beton mit einem weltweit austauschbaren Charme. Das wirkt durchaus aufgeräumt und nicht einmal unsympathisch, aber eben doch ein wenig nüchtern. Wären da nicht die Obdachlosen unter den Brücken und die erkennbare Armut inmitten der Geschäftigkeit. Sie tragen bei zur Gesamtwahrheit. Es ist eine Urbanität mit fragiler Oberfläche, die, so scheint es, von den Businessmen und CNN-Weltbürgern flink im klimatisierten Auto durchquert wird, um von den Vororten ins Büro und dann wieder zurück zum Häuschen mit gepflegtem Rasen und dem freundlichen Haustier zu gelangen. Die Lebenswirklichkeit vieler sieht aber doch ein wenig anders aus. Dass nur wenige Meter vom Hotel entfernt an einer Tankstelle des nachts eine tödliche Schießerei stattfand, sollte man dennoch nicht überbewerten. Es ist nicht spezifisch für Atlanta. So gut wie alle regionalen Nachrichten im TV beginnen mit solchen oder ähnlichen Ereignissen.

CNN Headquarters

Für einige Dollars lässt sich eine Tour durch die Zentrale von CNN buchen. Nun gut, man kann durch eine Glasscheibe einen Blick auf den Newsroom werfen, in dem, Fotografieren nicht erlaubt, Tag und Nacht die Nachrichten aus aller Welt gesichtet werden, und man erfährt allerlei über die Techniken des TV-Betriebs, so richtig neu ist das aber nicht. Dennoch und bei allen Vorbehalten gegenüber den medial produzierten Wirklichkeiten: Hut ab vor der Professionalität, insbesondere bei den politischen Diskussionsrunden des Senders, der, wie etwa auch die New York Times, zu den ausdauernden Kritikern der aktuellen amerikanischen Politik zählt. Abends im Hotel lohnt aber gerade deshalb ein Blick in das alternative Programm von Fox, dem Haussender des gegenwärtigen Präsidenten. Man bekommt so einen Eindruck von den kulturellen und intellektuellen Spannungen. Will man das Land verstehen, muss man sich eben auch mit den Verlierern der globalen Neuverteilung von Produktionsstandorten beschäftigen sowie dem Niedergang ganzer Industriezweige. Teile der weißen Mittelklasse fühlen sich spürbar von Abstieg und Unsicherheit bedroht, auch bedingt durch die demografischen Verschiebungen zugunsten des latinischen und schwarzen Amerika.

Nach der Besichtigung von CNN kommen wir im nicht weit entfernten kleinen Feuerwehrmuseum ins Gespräch mit einem freundlichen älteren Herrn, der hier ehrenamtlich seinen Dienst versieht. Atlanta sei durchaus eine sichere Stadt, wenn man sich, so seine Empfehlung, vernünftig und nicht als schlechter Mensch verhält, aber es sei eben das Drama Amerikas, dass die Spannungen zwischen den Rassen niemals wirklich überwunden worden seien. Dazu gehört als Teil der Wahrheit die Erkenntnis, dass es neben dem weißen auch Erscheinungen eines schwarzen Rassismus gibt. Sehr zu empfehlen hierzu das grandiose Buch Allein unter Amerikanern von Tuvia Tenenbom, der vorurteilsfrei in alle Richtungen recherchiert hat.

Die Innenstadt von Atlanta ist nicht wirklich einnehmend, auch wenn man sich Mühe gegeben hat, mit dem anlässlich der Spiele von 1996 geschaffenen Centennial Olympic Park einen gestalteten Freizeitraum zu integrieren. Gleich daneben befinden sich das Aquarium und die Coca-Cola World. Auf deren Besuche haben wir verzichtet, nicht jedoch auf den des National Center for Civil and Human Rights. Hier wird die Geschichte der Konfrontation des weißen mit dem schwarzen Amerika eindringlich vor Augen geführt.

Atlanta Center for Civil and Human Rights

Es ist die Geschichte weißer Überlegenheitsphantasien, die schon den amerikanischen Bürgerkrieg bestimmt hatten, jedoch bis weit in das Zwanzigste Jahrhundert hinein nicht nur die Südstaaten prägten. Aber es ist auch die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung, die seit Ende der fünfziger Jahren Anspruch und Wirklichkeit der amerikanischen Verfassungsrechte gegenüberstellte. Von den Freedom Riders im Jahr 1961, die sich über das Gebot der Rassentrennung in den Überlandbussen hinwegsetzten und in der Folge brutaler reaktionärer Gewalt begegneten, dem March on Washington im Jahr 1963 mit der Forderung nach Beendigung der Rassendiskriminierung, bei dem Martin Luther King seinen Dream formulierte, bis hin zu dessen Ermordung 1968 in Memphis, werden im Atlanta Center for Civil and Human Rights die Ereignisse in Erinnerung gerufen. Bedrückend und absolut sehenswert.

Nachbarschaft des Geburtshauses von Martin Luther King

Das Elternhaus in Atlanta, in dem King mit seiner Frau Coretta lebte, und die Baptistenkirche, in der er predigte, können besichtigt werden. Im nahe gelegenen Gedenkzentrum, Bestandteil des Martin Luther King Jr. National Historical Park, befindet sich auch die Grabstätte beider.

Szenenwechsel. Man muss da nicht unbedingt hin, der Besuch des Wohnhauses Margaret Mitchells rundet jedoch in gewisser Weise den Eindruck Atlantas ab. Das hier geschriebene Vom Winde verweht, das in der Zeit des amerikanischen Sezessionskrieges spielt, erinnert schließlich an ein entscheidendes Kapitel der Südstaatengeschichte. Im weiteren Verlauf der Reise wird allerdings der Eindruck entstehen, dass manche sich mit dieser bis heute offenbar ein wenig schwertun.

Nachgestellter Arbeitsplatz Margaret Mitchells

Rund um die Universität wird das Leben etwas bunter und die Stadt erscheint nicht so steril, aber dann geht es auch schon zur Bus Station in einer Gegend, die ein wenig rau wirkt. Southeastern Stages bringt uns von dort in einem modernen Bus, nicht zu vergleichen mit den mitunter etwas angejahrten Greyhounds, bequem nach Charleston in South Carolina. Überhaupt, das Busreisen: Auf kaum eine andere Weise erlebt man soviel amerikanischen Alltag; mit dem Flugzeug schon gar nicht, aber auch nicht mit dem Mietwagen. Das beginnt mit der nachdrücklichen Ansage des Fahrers, dass jeder hinausgeworfen wird, der sich nicht an die vorgegebenen Regeln hält. Das wirkt autoritär, trägt aber dazu bei, dass auch mit einigen leicht verwegen ausschauenden Gesellen an Bord alles ruhig bleibt. Im Übrigen hat man Gelegenheit, während der Pausen in kleinen Orten des Südens interessante Gespräche zu führen, und sieht während der Fahrt ganz entspannt eine Menge unprätentiöses Amerika.

 

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