Analoge und digitale Mentalitäten

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Es lässt sich ein Zusammenhang zwischen der inneren Haltung eines Fotografen und der verwendeten Technik vermuten. So ist die Zeitspanne zwischen der Betätigung des Auslösers und der Betrachtung des fertigen Bildes nicht ohne Bedeutung für die mentale Prägung. Das Ergebnis einer Digitalaufnahme können wir auf dem Kameramonitor sofort begutachten. Wer hingegen analog arbeitet, die Filme vielleicht nicht selbst entwickelt und wem keine Dunkelkammer zur Verfügung steht, der ist auf ein externes Labor angewiesen und muss Geduld mitbringen.

Bei der Reportagefotografie alter Schule, die es heute analog nicht mehr gibt, ging die Ausarbeitung im Labor zwar relativ schnell, aber auch hier war es stets mit Spannung verbunden, ob aus der Aufnahme etwas geworden war. Barbara Klemm, als Fotojournalistin viele Jahre nahezu ausschließlich analog und in Schwarzweiß unterwegs, hat einmal in einem Interview hervorgehoben, dass es immer eine Zitterpartie gewesen sei, wenn man die Filme von unterwegs in die Redaktion geschickt hatte und auf die Ergebnisse warten musste.

Allein das Vergrößern eines Negativs in der Dunkelkammer erfordert Zeit, insbesondere wenn das Bild mit filigraner Technik hervorgezaubert wird. Was mit Photoshop lediglich ein paar Mausklicks benötigt, die bei Nichtgefallen umgehend korrigiert werden, ist im analogen Labor eine zeitaufwändige Angelegenheit. Meist müssen einige Tests angestellt werden, bis die Belichtung stimmt und der beabsichtigten Wirkung entspricht. Betrachtet man den Prozess vom Druck auf den Kameraauslöser bis zum Dunkelkammerergebnis als zeitliche Einheit, wird deutlich, dass bei der analogen Fotografie ein langer Atem benötigt wird. Die digitale Fotografie hingegen befriedigt das Bedürfnis nach dem Sehenwollen des Bildes umgehend. Insbesondere beim Smartphone handelt es sich um eine schnelle Nummer, die mit einem kurzen Blick auf den Monitor auch schon wieder erledigt ist.

In der Psychologie wird zwischen zwei motivationalen Charaktertypen unterschieden. Auf der einen Seite gibt es Menschen, bei denen der Drang zur sofortigen Erfüllung aller Wünsche im Vordergrund steht. Andere können warten, bis die Zeit reif dafür ist. Die Forschung nimmt an, dass es mit frühkindlichen Erfahrungen zu tun hat, in welche Richtung die Haltung tendiert. Für die Erreichung gesteckter Ziele ist das Ergebnis des Sozialisationsprozesses nicht ohne Bedeutung, denn die Umsetzung komplizierterer Vorhaben setzt meist Geduld voraus. Die Motivation muss über einen längeren Zeitraum gehalten werden. Verfliegt sie, sinkt die Aussicht für eine Zielerreichung rapide ab. Es sei denn, an die Stelle von Ausdauer treten Hilfsmittel wie Geld oder Macht. Mit einem Bankkredit oder durch Druck auf andere lässt sich die Wartezeit bis zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse verkürzen. Nicht in allen Fällen geht dies. Manches Begehrte lässt sich nicht kaufen oder erzwingen, wie etwa die Fähigkeit zum Spielen eines Musikinstrumentes oder eben auch die zum gestalterisch ambitionierten Fotografieren. Am Üben führt hier kein Weg vorbei.

Einiges deutet darauf hin, dass Menschen mit entwickelter Selbstkontrolle höhere Konzentrationsleistungen erbringen, besser mit Stress umgehen und in Gemeinschaft mit anderen eher in der Lage sind, gedanklich die Perspektive ihres Gegenübers einzunehmen. Stets geht es um die Beherrschung der eigenen Spontaneität zugunsten einer Berücksichtigung von Impulsen der sozialen Umwelt. Die ursprüngliche Triebdynamik des Menschen entspricht dem aber nicht so recht. Sie möchte am liebsten alles, und zwar sofort und reichlich. Dies funktioniert meist nicht ohne Widerstände, und so werden das Wartenkönnen und das strategische Verhalten zu hilfreichen Tugenden im Sozialleben. Erschwerend steht dem allerdings entgegen, dass eine kurze Zeitspanne zwischen Bedürfnis und Bedürfnisbefriedigung als angenehm empfunden wird und den Drang zur schnellen Wiederholung auslöst. Dieser Mechanismus nutzt sich jedoch erstens ab und ist zweitens zum Aufbau von Frustrationstoleranz nicht geeignet. Diese bildet aber eine notwendige Voraussetzung für die Erreichung komplexer Ziele. Nur wer die Fähigkeit zum langfristigen Üben entwickelt, auch wenn sich zunächst keine Fortschritte einzustellen scheinen, wer auch einmal einen Umweg gehen und sich bei Enttäuschungen neu motivieren kann, wird langfristig besondere Leistungen vollbringen. Bei Genies mag sich das vielleicht ein wenig anders darstellen, aber diese sind seltener als schwarze Schwäne.

Auf die Schattenseite der Triebkontrolle sei hier nur am Rande hingewiesen. Dass es sie gibt, zeigen nicht nur diverse lästige, ansonsten jedoch harmlose neurotische Spleens, sondern Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und Süchte. Nicht selten sind ihnen wirkmächtige Impulse zur rigiden Eigensteuerung einschließlich der Leugnung von Bedürfnissen vorausgegangen. Es wäre deshalb unangebracht, ein unreflektiertes Hohelied der Triebkontrolle zu singen. Im Übrigen lebt die Konsumwirtschaft vom Wunsch nach der schnellen Bedürfnisbefriedigung. Habenwollen ist das entscheidende Kundenmotiv. Zuviel Verzichtsleistung wäre deshalb, aus der Perspektive von Umsatz und Rendite betrachtet, ungesund. Es besteht ein Dilemma. Die Entwicklung zu einer erfolgsorientierten Persönlichkeitsstruktur setzt das Erlernen von Triebbeherrschung voraus, die konsumorientierte Warengesellschaft jedoch tut alles dafür, durch Werbung und andere Anreize die antrainierte Bedürfniskontrolle zu unterminieren. Wer von seiner sozialen Umgebung akzeptiert werden möchte, kommt kaum umhin, einige der angesagten Statusattribute in eigene Wünsche umzuwandeln. Ist der Gedanke aber erst einmal entstanden, zum Glücklichsein ein bestimmtes Produkt zu benötigen, will der Wunsch in der Regel zügig befriedigt werden.

Zurück zum eigentlichen Thema. Ob als Literatur, Malerei, Musik oder Schauspielerei, der künstlerische Ausdruck setzt in der Regel ein intensives Üben voraus. Nur Wenigen bleibt dies erspart. Die Anforderung besteht darin, in der Phase des Lernens mit Geduld und Frustrationstoleranz an der Entwicklung der Fertigkeiten zu arbeiten, um erst dann, wenn diese sicher ausgeprägt sind, auch der schlummernden, impulsiven Expressivität Raum zu geben. Letztlich kann nur in deren Kombination mit dem kontrolliert Erworbenen und Regelgerechten etwas Einzigartiges, also Regelfreies entstehen. Nicht viel anders, wenn auch weniger dramatisch, stellt sich dies für die Fotografie dar. Die digitale Technik verleitet dazu, mit dem schnellen Prinzip von Versuch und Irrtum an die Dinge heranzugehen. Da entsteht eine Aufnahme ohne lange Überlegung und wird sofort auf dem Monitor betrachtet. Bei Nichtgefallen lässt sich der Prozess wiederholen. Im Übrigen verlockt die Speicherkapazität der Kamera zur flinken Aufnahme ganzer Serien oder zum Video, aus dem später ein geeignetes Einzelbild extrahiert wird. Fotografiert man hingegen analog, müssen eine Reihe bildwichtiger Entscheidungen vor der Betätigung des Auslösers getroffen werden. Das Ergebnis lässt sich allerdings erst im Nachhinein beurteilen.

Aus Sicht der Lernpsychologie sind die Dinge ambivalent. Liegt zwischen einer Handlung und der Bewertung ihrer Folgen eine kurze Zeitspanne, kann sofort reagiert werden und der Lerneffekt ist relativ hoch. Die digitale Fotografie bietet da einige Vorteile. Diese werden zugunsten des Trial and Error Verfahrens jedoch häufig nicht genutzt. Nur, wer auch mit der digitalen Kamera reflektiert und bewusst fotografiert, profitiert von ihren Potentialen zur umgehenden Korrektur. Bei der analogen Technik ist hingegen von vorneherein ein geplantes Handeln angesagt. Wer erst nach längerer Zeit das Ergebnis einer Aufnahme beurteilen kann, überlegt sehr genau, wie er an die Dinge herangeht. Der damit verbundene Lerneffekt ist am Ende wahrscheinlich wirkungsvoller als bei der digitalen Schnellkorrektur.

Bedächtigkeit beim analogen Fotografieren ist nicht unbedingt gleichzusetzen mit einer aufwändigen Bildgestaltung oder langsamer Kameratechnik. Niemand ist gezwungen, es Ansel Adams gleichzutun und mit schwerem Stativ sowie großem Format solange an der Komposition zu werkeln, bis alles passt und schließlich der Auslöser betätigt wird. Ambitioniertes Fotografieren bezieht die Phase der gedanklichen Vorbereitung mit ein. Das ist der entscheidende Punkt. Die eigentliche Aufnahme kann dann schnell geschehen oder auch sorgsam inszeniert sein, digital übrigens genauso wie analog. Das experimentelle Vorgehen ist deshalb in manchen, auch analogen, Fällen eine durchaus sinnvolle Strategie. Man befindet sich in einer dynamischen Situation und fotografiert, was spontan interessant erscheint. Häufig bleibt keine Zeit für umständliche Regieanweisungen oder manuelle Einstellungen von Schärfe und Belichtung. Ausschnitt festlegen, auslösen und darauf hoffen, dass sich daraus später ein interessantes Bild gestalten lässt. Die Erfolgsquote mag begrenzt sein. Dies ist beim Fotografieren jedoch normal, wie selbst die Kontaktbögen professioneller Fotografen zeigen. Auch sie haben auf einem 36er Film oftmals nur wenige oder gar nur einen Treffer. Und dennoch, es führt zu anderen Ergebnissen, wenn statt digitaler Technik eine Analogkamera eingesetzt wird. Allein das Wissen um die beschränkte Filmkapazität diszipliniert den Prozess.

Will man der Digitaltechnik nicht Unrecht tun, sind ein paar zusätzliche Anmerkungen nötig. Obwohl die sofortige Verfügbarkeit eines Bildes dazu verlockt, in den Trial an Error Modus zu verfallen oder alles den Automatiken sowie der späteren Korrektur am Rechner zu überlassen, weist die moderne Technik im Prinzip einen höheren Komplexitätsgrad auf als die Arbeit mit dem analogen Film. Ähnliches gilt für die Postproduktion. Die Dunkelkammer verlangt das größere handwerkliche Geschick, dafür sind beim digitalen Workflow die zu berücksichtigenden Parameter zahlreicher. Wer meint, die digitale Fotografie sei eine simple Angelegenheit, irrt. Zwar kann man mit dem Smartphone einfach draufhalten und auch bei der Digitalkamera alles auf Auto stellen. Dabei entstehen mitunter sogar beeindruckende Bilder. Wer sich jedoch vor dem ersten Druck auf den Auslöser einer neuen Kamera die Zeit zur Lektüre der Betriebsanleitung und der zahlreichen Konfigurationsmenüs nimmt, muss Geduld aufbringen. Hat man dann aber die Besonderheiten der digitalen Technologie verstanden und den Workflow von der Aufnahme bis zum fertigen Bild im Griff, ist der Prozess in der Tat schneller als bei der analogen Fotografie.

Abschließend und um keine Missverständnisse entstehen zu lassen: Die moderne Fototechnik ist natürlich nicht verantwortlich für die Verbreitung von Charakteren, die das spontane Habenwollen zum Ziel haben. Eher gilt umgekehrt, dass die digitale Fotografie in eine Zeit des schnellen Konsums passt. Und ebenso gilt, dass die analoge Fotografie nicht automatisch die Ausprägung frustrationstoleranter und empathischer Persönlichkeiten fördert. So einfach ist es nun doch nicht.

 

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