Analoge Innen- und Außenwelten

von Ulrich Metzmacher

Beim fotografischen Bild handelt es sich um ein Dokument der Außenwelt und gleichzeitig um ein Zeugnis der Innenwelt des Fotografen (m/w/d). Damit stellt es unter sämtlichen Bildformen einen einzigartigen Sonderfall dar. Alle anderen, nichtfotografischen Bilder haben ihren Ursprung zwar ebenfalls in der Innenwelt, also der Vorstellung des Malers, Zeichners oder Grafikers, weisen jedoch keine direkte und unmittelbar zwingende Außenweltabhängigkeit auf. Dies bleibt einzig und allein dem mit der Kamera erstellten Bild vorbehalten.

Bei der klassischen analogen Fotografie werden die bei der Aufnahme von Objekten vor der Kamera ausgehenden Lichtabstrahlungen in Form einer chemischen Reaktion der Filmemulsion festgehalten. Ist der Film entwickelt und fixiert, bildet er ein Dokument für das Es ist so gewesen (Roland Barthes). Dies begründet den Außenweltcharakter des fotografischen Bildes. Für das digitale Bild gilt genau dies nicht, da dessen binäre Informationen keine Gewähr bieten, ein reines, unbearbeitetes Ergebnis des Aufnahmevorganges zu sein. Digitale Bilder sind durch Prozessoren gelaufen und können aufgrund der Bearbeitung am Rechner Inhalte aufweisen, die nichts mit der Aufnahmesituation zu tun haben. Man sieht ihnen eine Veränderung, Wegnahme oder Hinzufügung von Pixeln nicht an. Der Wahrheitsgehalt des digitalen Bildes ist deshalb grundsätzlich zweifelhaft. In verschiedenen fotosinn-Beiträgen sind die Folgen beschrieben, etwa im Essay Von der analogen zur digitalen Fotografie. Einen verlässlichen Außenweltcharakter weisen ausschließlich der analoge Negativfilm und das Diapositiv auf. Soweit die objektive Seite der Fotografie.

Die Behauptung der Möglichkeit eines objektiven Bildes begründet dies allerdings noch lange nicht, denn es kommt zwingend eine zweite, subjektive Seite hinzu. Jedes Bild ist Ergebnis der individuellen Sichtweise des Fotografen. Automatisierte Bilder, etwa von Überwachungskameras, lassen wir hier unberücksichtigt. Fotografien sind stets das Ergebnis einer bewussten oder auch unbewussten Auswahlentscheidung des Fotografen. Dieselbe Situation, das gleiche Objekt hätten sich auch auf eine gänzlich andere Weise, etwa aus einer anderen Perspektive, festhalten lassen. In diesem Sinne ist jede Fotografie grundsätzlich subjektiv. Eine objektive, einzig wahre Wiedergabe einer konkreten Situation gibt es nicht. Im fotosinn-Essay Raum und Fläche wird dies näher ausgeführt.

Das analoge Bild weist sowohl Elemente des Realen wie gleichermaßen Hinweise auf die Gestaltungsideen des Fotografen auf. Außenwelt und Innenwelt treffen aufeinander. Die Fotografie ähnelt damit einem Topos, der bereits in vorfotografischer Zeit die Romantiker beschäftigte. Schon damals ging es um das spannungsvolle Verhältnis von Innen und Außen. Beide Dimensionen sind offenbar miteinander verknüpft und bedingen sich wechselseitig. Novalis formulierte es in den Fragmenten des Jahres 1799 so: Die Vorstellung der Innen- und Außenwelt bilden sich parallel, fortschreitend – wie rechter und linker Fuß. Dies entspricht, erkenntnistheoretisch betrachtet, modernen Konzepten hinsichtlich der Wirklichkeit beziehungsweise unserer Ideen von ihr.

Jede Welterkenntnis ist ein Konstrukt, das, genau genommen, die Dualität von Subjekt und Objekt obsolet werden lässt. Wissen ist Ergebnis eines Dialogprozesses zwischen Geist und Materie. Dies mag altphilosophisch klingen, deckt sich aber mit Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie sowie der Wissenssoziologie. Wie wir die Welt sehen, ist die Welt. Die Welt an sich hingegen kann, wie wir seit Kant wissen, grundsätzlich nicht erkannt werden. Den Romantikern war dies bewusst. Wer ihnen lediglich süßliche Weltverklärung und träumerische Ichbezogenheit unterstellt, verkennt deshalb ihren vorausgreifend modernen Ansatz zur Überwindung der Dualität von Ich und Außenwelt. Ein gesellschaftsfreies, nur aus sich selbst heraus denkendes Subjekt gab es für die Romantiker nicht. Dies korrespondiert mit einer Psychologie, die nicht nur Naturwissenschaft sein will.

Sehen einschließlich des Verstehens von Bildern ist Ergebnis eines Lernprozesses, der mehr ist als Physiologie. Wesentliche Bedingung für das Verständnis von Wahrnehmung ist ein strukturierender Sinn, der schon bei der Reizaufnahme mitwirkt und die potenziell chaotische Komplexität möglicher Eindrücke zu ordnen hilft. Kurz zusammengefasst: Die physiologische Informationsaufnahme durch Rezeptoren und die Sinnidentifikation greifen ineinander und stützen sich wechselseitig. Rechter und linker Fuß eben, wie Novalis es genannt hatte. Was der Mensch sieht, ist erlernt! Die Basis hierfür bilden ein kultureller Vermittlungsprozess sowie ein individueller Reifungsvorgang, durch den sich in den kindlichen Entwicklungsphasen Wahrnehmung, Sehen und Sinnverstehen parallel ausprägen.

Zurück zum Ausgangspunkt des Sehens: Lediglich ein Teil des Prozesses ist physiologisch bedingt. Das Licht wird von Rezeptoren der Netzhaut registriert und in elektrische Impulse umgewandelt. Nach der Strukturierung dieser Informationen wird das Rohmaterial in den dafür zuständigen Hirnregionen mit anderen Informationen zusammengeführt und mit vorhandenen Daten abgeglichen. Schließlich wird es mit einer kognitiven Bedeutung, einem Sinn, verknüpft und im Ergebnis als Realität bezeichnet. Erst dieser gesamte Prozess kann als Wahrnehmung und Sehen gelten. Physiologisches und Kulturelles greifen ineinander. Wir sehen, was wir zu sehen gelernt haben. Hinzu kommt Individualpsychologisches. Primär sehen wir das, was wir sehen möchten.

Die Art und Weise, wie wir die Dinge wahrnehmen, ist ein Konstrukt fernab naturgegebener Eindeutigkeiten. Das Kind wächst in eine Welt hinein und lernt, sich in dieser zu bewegen und mit ihr umzugehen. Es baut eine kognitive Repräsentanz der Umwelt auf, nicht zuletzt, indem es die Beschaffenheit und Eigenschaften der Dinge im wahrsten Sinne des Wortes begreift und mit Hilfe der Sprache zu beschreiben erlernt. Diese stellt als differenziertes Symbolsystem ein unabdingbares Werkszeug für alle höheren kognitiven Leistungen dar. Ohne Sprache oder entsprechende Ersatzzeichen kein Denken.

Man muss nicht unbedingt Bezug auf Novalis nehmen, der die Seele als Schnittpunkt zwischen Innen- und Außenwelt bezeichnete. Aber zur Beschreibung des Wesens der Fotografie scheint die Metapher recht gut geeignet. Wir fotografieren stets das, was wir als Objekt, erstens, überhaupt erkennen und, zweitens, sehen wollen. Jede Fotografie ist subjektiv geprägt und darüber hinaus perspektivisch angelegt. Die Lichtspuren der Außenwelt bilden lediglich das Rohmaterial. Sie auf eine bestimmte Weise wahrzunehmen und sinnhaft zu deuten, geschieht, wie die kognitive Entwicklungspsychologie und die konstruktivistische Soziologie gezeigt haben, selektiv auf der Basis eines vorangegangenen Lernprozesses. Dies ist etwas anders als eine objektive, rein naturwissenschaftlich ableitbare Spiegelung von Realität. Subjektivität ist stets beteiligt. Kulturelle Prägungen damit ebenfalls.

Da wir die Konstruktion von Wirklichkeit, so die Schlussfolgerung, nicht solitär aus uns selbst heraus vornehmen, sondern diese Fähigkeit das Ergebnis eines kulturgebundenen, also kollektiven Sozialisationsprozesses ist, besteht eine gute Chance, dass auch Dritte eine Fotografie verstehen, da sie, in ähnlicher Weise wie zuvor der Fotograf oder die Fotografin, die Bedeutung der dargestellten Objekte und damit ihren Sinn erlernt haben. Dies lässt sich bewusst machen und reflexiv nutzen. Es mag sich dann ein Raum für Sichtweisen eröffnen, die von vermeintlichen Gewissheiten auch einmal abweichen. Jede Konstruktion lässt sich schließlich hinterfragen und dekonstruieren. Fotografisch können dann vielleicht sogar völlig neue Bilder entdeckt werden.

 

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