Alles ist in Bewegung ...

von Ulrich Metzmacher

... und nichts bleibt stehen. So sah es schon Heraklit. Das Leben, die übrige Realität und die Ideen von beidem sind gleichbedeutend mit Bewegung. Die Geschichte der Philosophie ist ohne eine solche Wesensbestimmung des Seins nicht vorstellbar. Ob es sich um die belebte oder die unbelebte Natur handelt, die physikalische Teilchenstruktur der Materie oder die Dynamik der menschlichen Vorstellungen von sich selbst und ihrer Umwelt, überall ist Bewegung. Alles fließt und das unbewegt Erscheinende verbirgt lediglich sein eigentliches, nämlich dynamisches Wesen. Veränderung ist das einzig Sichere des gesamten Kosmos. Diese Erkenntnis der altgriechischen Philosophie zieht sich durch bis in die Moderne. Ob im Idealismus Hegels oder der Dialektik materialistischer Geschichtsauffassung, in beiden Fällen gilt Veränderung als das notwendige Ergebnis des Widerstreits von Ideen oder von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Auch wenn teleologische Modelle heute suspekt geworden sind, eine Welt ohne Wandel ist nicht in Sicht und wird auch von niemandem ernsthaft erwartet. Alles Sein ist ein ununterbrochenes Werden und Vergehen. Selbst der Flügelschlag eines Schmetterlings beeinflusst, wie die Chaostheorie gezeigt hat, das große Ganze.

Aber nicht jede Veränderung, wie etwa der Fäulnisprozess eines Apfels, ist unmittelbar sichtbar. In anderen Fällen sind es die begrenzten menschlichen Verarbeitungsfähigkeiten hinsichtlich komplexer Vorgänge, die uns Veränderungen nicht wahrnehmen und stattdessen Konstanz sehen lassen. Gleichwohl wissen wir, dass es nichts ewig Geltendes gibt und auch keine Sicherheit, alles würde so bleiben, wie es gerade ist. Dies mag für manchen eine bedrohliche Erkenntnis sein. Um sie ertragen zu können, werden bestimmte Erscheinungen als unveränderlich eingestuft. Der Mensch schützt sich durch Hilfskonstruktionen vor dem Wissen, dass alles, was ist, eines Tages ganz anders sein wird.

Kollektive Regelungen und Deutungen stellen sicher, dass die Umwelt nicht täglich neu interpretiert werden muss. Dies gilt insbesondere für soziale Phänomene. Je nach dem Fokus der Betrachtung können entweder Strukturen wie Moral-, Werte -oder Gesetzessysteme betont und die Frage nach den Ordnungsmustern einer Gesellschaft in den Vordergrund gerückt werden. Oder der Blick richtet sich, wie bei Niklas Luhmann, konsequent auf den Komplexitätsaspekt. Mit welchen Mitteln, so seine Frage, gelingt es einer Gesellschaft, die potentielle Unübersichtlichkeit alles Wirklichen so auf einen verlässlichen Kern zu reduzieren, dass Alltag möglich wird?

Strukturen und Wertesysteme haben die Funktion, in einer kontingenten Welt Sicherheit zu schaffen. Aus der unendlichen Menge des theoretisch Möglichen geben kulturelle Sitten und Gebräuche bestimmte Verhaltensmuster vor und tragen zur Reduzierung der denkbaren Handlungsalternativen bei. Dies gilt selbst innerhalb der wildesten jugendlichen Subkultur. Wie man sich zu kleiden hat, wie man zu kommunizieren, welche Musik man zu hören hat, ist gerade hier nicht selten rigide vorgegeben. Auf längere Sicht sind jedoch alle soziale Wertesysteme einem Veränderungsprozess unterworfen. Alles fließt und das statisch Erscheinende ist eine Abstraktion, wenn auch eine für das kollektive Überleben und die individuelle Orientierungsfähigkeit unverzichtbare. Der Schein des Stabilen schützt vor Verwirrung und Verirrung.

Das fotografische Bild als konservierter Augenblick wird deshalb auch in Zukunft seine Bedeutung behalten.

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